Mittwoch, 6. Mai 2015

Neues vom Käpt'n

Darf ich kurz stören?

Ich bin’s, János. Genau, der mit dem großen Fuß. Ja, der der durch keinen Türrahmen passt!

Manche haben vielleicht schon bemerkt, dass ich mich in letzter Zeit nicht mehr habe blicken lassen. Entschuldigung dafür, das hat mehrere Gründe. Der Offensichtlichste ist wohl, dass ich gar nicht mehr da bin. Nicht mehr wo bin? Nicht mehr da, da, also bei euch, da in Deutschland, da am schönen Bodensee. Ich bin seit kurzem, also seit einiger Zeit, wo anders. Was? Ich bin umgezogen. Und ich gehe wieder zur Schule.
Bitte sag' was?! – Naja, ich bin jetzt ein Lehrer und, ach ja, ich wohne jetzt in Karakana, das ist ein Stadtteil von…Afrika.
Afrika? – Ach ja, Afrika, das kennt man doch. Hört und sieht man doch immer im Fernseher. Da gibt’s doch arme Kinder und Hungerbäuche. Ich glaub Kleidung und Wasser hat’s dort auch nicht. Kein schöner Platz, da will ich nicht hin, da stinkt’s doch bestimmt auch noch.
Aha. Wäre die Strafe für jedes Vorurteil, für jede Verallgemeinerung und für jede unangebrachte Äußerung eine Liegestütze, dann wäre Dwaine „The Rock“ Johnson bald keine Seltenheit mehr. Leider ist die Berichterstattung im deutschen Fernsehen (und anderen Medien) sehr einseitig. Das mag wohl dem Fakt geschuldet sein, dass diese vielleicht die einschlägigsten Fakten sind über die berichtet wird. Ein abgerundetes Bild entsteht so aber leider nicht. Die Kehrseite der Medaille wird gezeigt und wahrgenommen, jedoch nicht die glänzende Seite, die mit den schönen Verzierungen. Ich habe das gemerkt und möchte dem entgegenwirken. Ich habe die Informationen aus erster Hand und ich fungiere selbst als Reporter und Journalist, wenn ich euch über welches Medium auch immer Informationen und Erklärungen liefere. Wenn ihr mit mir über WhatsApp, Facebook, Skype oder per Telefon in Kontakt seid, wenn ihr meinen Blog lest, wenn ihr mir eine Chance gebt, euch ein realistisches Bild von meinem, deren und unserem Leben hier und über die Landesgrenzen hinaus zu geben, dann geb ich euch 24/7 die Chance zu lernen.
          Leider ist es nicht nur das völlig falsche Bild von Afrika, das die meisten Europäer, Deutschen, meine Landsleute, meine mit zugeteilten Familie und meine handerlesenen Freunde, welches mir zu denken gibt. Nein, auch das Bild der hier lebenden Menschen von den Europäern, den „Weißen“ ist nicht korrekt. Gar nicht. Gerade das Fernsehen und die dort rund um die Uhr ausgestrahlten Filme "made in Tanzania" (Sogenannte „bongo“-movies – von ugs. „bongo“ für Tansania) erwecken den Anschein, als seien alle weiße Frauen im ältesten Gewerbe der Welt tätig. Das liegt daran, dass diese im Fernsehen so präsentiert werden. Das wiederum liegt meiner Meinung vor allem daran, dass der europäische Kleidungsstil tendenziell hin zur erhöhten Freizügigkeit geht, vergleicht man ihn erst einmal mit den Standards in Tansania. Diese sind sehr einfach: Knie werden nicht gezeigt, Schultern genauso wenig, von bauchfreier Bekleidung erst gar nicht zu sprechen. Meine langjährige Erfahrung, was den Kleidungsstil meiner Mitbürger und noch-nicht-Mitbürger und Geduldeten angeht, hat gezeigt, dass oft und gerne die Kleidungs- und Stoffmenge begrenzt wird und man dementsprechend viel Fleisch sieht. Nun ist das aber so, dass das an tansanischen Standards gemessen sehr freizügig ist. Diese Beobachtung plus die Art, wie das Ganze in Szene gesetzt gibt gerade den weißen Frauen (Freiwillige), deren Bekanntschaft ich hier machen durfte (und nach wie vor darf) dieses Gefühl. Warum diese mir mitteilten, dass die hellhäutigen Frauen aus europäischen Ländern wie Professionelle dargestellt werden liegt nahe. Die Damen, die diesen Beruf hier bekleiden kleiden sich in…wenig. Eng, kurz und wenig. Top und Hotpants. Versteht ihr? – Genau wie der deutsche Sommer. Nun ist es so, dass sie fast ausschließlich Damen dieser Berufsgruppe so kleiden, da liegt dieser Gedankengang nahe.
          Des Weiteren erfährt man, wie umgekehrt ja auch, in Tansania sehr wenig von Europa und Deutschland in den Medien. Der Besuch unseres Bundespräsidenten vor einigen Monaten und der germanwing-Absturz sind Beispiele der Berichterstattung. Viele gibt es nicht. So kann ja kein realistisches Bild der Situation entstehen. Dann gibt es noch die Schulbildung. Von meinem Bruder Benard weiß ich, dass sich die Einheit europäische Geschichte im Fach Geschichte hauptsächlich um Deutschland dreht. Wie in Deutschland auch, lernt der Schüler das, was der Lehrkörper im vor den Latz knallt. Fehler inbegriffen. So wurde ich in der Vergangenheit des Öfteren gefragt, ob denn alle Deutsche böse seien (Verweis: Nazizeit), ob Hitler unser Nationalheld sei (diese Äußerung drang zwei Mal nicht als Frage sondern als Aussage an mein Ohr) und ob es da eine Mauer in Deutschland gibt ((seit dem 9. November 1989 nicht mehr) auch dies wurde schon als Aussage formuliert).

Wir haben etwas gemeinsam! – Unwissenheit an beiden Fronten.
Wo bleibt denn dann nur János? – Der muss das erst einmal selbst denken, beobachten, auswerten und in ewig lange und komplizierte Sätze packen. Danach hilft er gerne auf beiden Seiten aus.


Das Chamäleon

Ich lerne täglich. Auch wenn schon lange der Alltag eingekehrt ist und das Wasserholen aus dem Brunnen und das Duschen per Eimerdusche schon längst Routine geworden ist.
Ich im Selbstexperiment, mich wie Brunnenwasser
zu verhalten.

Ich gebe mein Bestes, mich zu integrieren und soweit es geht anzu-passen und zugleich „echt“ zu bleiben. Aber ich habe nun einmal über 20 Jahre meines Lebens auf deutschem Boden verbracht, wurde von den Menschen in Deutschland geprägt, von den wirtschaftlichen, klimatischen, kulturellen, ideellen und traditio-nellen Bedingungen, Werten und Verhaltens-weisen geformt, durch mein Wirken in Deutsch-land und von mir und meinen Bezugsper-sonen zu dem gemacht, was ich bin. Oder war. Ich bin also mit Prägung, Werten und einer Persönlichkeit in dieses Land gereist um meinen Freiwilligendienst zu leben und deshalb gibt es Grenzen. Anpassung bis zu einem gewissen Grad ist wichtig, um sich Türen zu öffnen, um sich das Leben leichter zu machen und um ein realistisches Bild von den Menschen und deren Lebensbedingungen zu machen. Echtheit ist aber auch wichtig und so habe ich herausgefunden, dass ich mich nie vollständig integrieren werde, weil ich 20 Jahre vorgeprägt wurde, eigene Werte und Meinungen entwickelt habe und eine Persönlichkeit besitze, die ich in einem Anpassungs-prozess wahren möchte. Man kann auch seine Persönlichkeit ändern, keine Frage. Ich merke, wie ich mich verändere und bereits verändert habe. Viele Erlebnisse, Gespräche und losgetretene Gedankengänge haben eine Veränderung des János bewirkt. Ich bin sehr froh darüber, denn ich verändere mich in eine meiner Meinung nach gute Richtung. Dennoch gibt es Dinge, vor allem Verhaltensweisen, die ich nach wie vor nicht in mich und mein Verhalten einbauen möchte und es auch nicht tun werde. Ich wurde so erzogen und möchte das auch nicht verändern, auch wenn man danach sagen könnte, ich habe mich angepasst. Egal was passiert, ich werde meine Schüler nicht schlagen. Das ist leider nach wie vor noch alltäglich. Ich bin sehr froh, dass ich in der Vergangenheit einige Menschen, darunter auch Lehrer und ehemalige Lehrer, kennengelernt habe, die auch der Meinung sind, dass das Schlagen von Kindern nicht gut ist und dies auch nicht tun.
          Bevor man nun aber vor lauter Empörung erzürnt in den Schuppen marschiert und sich seine V8-7,5Liter-benzin-betriebene vollautomatische Heckenschere holt um jene Menschen, die Kinder mit körperlicher Gewalt bestrafen, zurechtzustutzen, sollte man sich ins Gedächtnis rufen, dass das vor gar nicht allzu langer Zeit auch in Deutschland noch gang und gäbe war. Mein Großvater musste zusammen mit seinen Mitschülern noch ganz andere Strafen als das Schlagen mit einer Rute ertragen. Wen das interessiert, dem kann ich das „Schulmuseum“ in Friedrichs-hafen gegenüber des Restaurants „Lukullum“ empfehlen (der Besitzer verstarb vor kurzem und die Zukunft des „Lukullum“ ist noch ungewiss). Dort werden die Züchtigungsmaßnahmen ausgestellt und bei Führungen erklärt. 
Ausprobieren ist auch drin.
          Selbst mein Vater wurde damals noch sprichwörtlich an den Ohren langgezogen. Das war dann aber schon nicht mehr gang und gäbe und der ausführende Lehrer wurde sprichwörtlich selbst an den Ohren langgezogen.
          So hoffe ich, dass sich die Art der Disziplinarmaß-nahmen in Tansania und jedem anderen Land dieser Welt, in welchem das körperliche Wohl der Kinder beeinträchtigende Disziplinarmaßnahmen noch gang und gäbe sind, dahin-gehend verändern, dass Kinder ohne Angst zur Schule gehen können, so wie es Schüler in Deutschland heutzutage können. Wer sich unter den Begriffen „behavioristische Lernpsychologie“ und der „klassischen und operanten Konditionierung“ (siehe: Wikipedia „Instrumentelle und operante Konditonierung“ oder mein Pädagogik und Psychologie Ordner) etwas vorstellen kann, der weiß, was passieren sollte, wenn auf eine Verhaltensweise (beispiels-weise Lärmen) immer wieder ein unangenehmer Reiz (meist das Schlagen) folgt. Genau, das Verhalten wird verändert. Verhaltensweisen, die unangenehme Folgen zur Folge haben, werden fallen gelassen. Da ich hier in der Schule jedoch sozusagen an der Quelle sitze kann ich sagen, dass eine Konditionierung der Schüler, der Kinder nicht funktio-niert, denn diese verspäten sich immer noch zum Morgen-appell, lärmen weiterhin und vergessen ihre Hausarbeiten. Dieser beobachtbare Gedankengang (also nicht die elektrischen Reize, die durch meinen Denkapparat sausen, sondern der nicht nur von mir beobachtbare Fakt, dass dieser Art von Züchtigungsmaßnahme eben kein einschlägiger Erfolg eingeräumt werden kann) ist meiner Meinung nach dabei sich zu verbreiten wie die Grippe. Oder Bettwanzen, die gerade wie eine Seuche umgehen. Nur leider sehr viel langsamer.

Eines meiner Hauptziele während meiner Vorbereitungszeit war die Anpassung. Andere Ziele waren es die Haare eines Schwarzen anzufassen, die sollen sich ja total komisch anfühlen. Ach ja, eine Giraffe wollt ich auch sehen. Und Brunnen bauen. Du weißt schon, damit die Kinder was zu Trinken haben.
          Vermutlich habe ich spätestens jetzt eure Aufmerk-samkeit. Ich bin mir bewusst, dass die vorangegangen Zeilen ziemlich überspitzt sind und in die Kategorie „das geht ja gar nich‘, ey!“ gehören, aber ich habe ein Ziel.
Viele Menschen, die nach Afrika kommen packen Sonnencreme und ein Hut ein. Und jede Menge Geld. Touristen. Okay, bei Touristen ist das Ziel klar. Aber Touristen sind auch Menschen. Menschen wie du und ich. Manche Menschen sind Touristen und manche Freiwillige. Touristen haben leider die Wahl, was sie tun, denn sie tun häufig das Falsche. Nämlich ihr Touristending durchzu-ziehen, auf Facebook ein Bild von ihnen zusammen mit einem Elefanten einzustellen und mit 32GB Bildern nach Hause zurückzukehren und sehr einseitig zu berichten. Denn: diese Menschen nehmen sehr einseitig wahr, denn die Dinge, die sie tun sind sehr einseitig. Sie reisen von Sansibar in den Nationalpark und vom Nationalpark zum Ngorongoro-Krater. Sie bezahlen sehr viel Geld um die schönen und eindrucksvollen Orte und Gebilde zu sehen. Diese Dinge machen aber den kleinsten Teil der Realität im Land aus. Wirklich wichtige Aspekte bleiben unentdeckt.
           Manche Menschen sind Freiwillige. Freiwillige haben eine Aufgabe; und zwar erst einmal ihr eigenen Vorstellung-en, ihr vermeintliches Wissen und ihre Ansichten der Realität anzupassen, also erst einmal sehr viel an sich selbst arbeiten und anschließend anderen Menschen die Chance zu geben, zu lernen.

János ist so ein freiwilliger Mensch – wie praktisch! Und er ist in Afrika – toll.

Einen Moment bitte. Ich bin nicht gerne der Spielverderber, aber das ist kein Spiel und mir ist es zu derb. Was für manch einen eine Überraschung ist, ist für andere Realität: Afrika ist gar kein Land. Afrika ist ein Kontinent #bittesagwas?!
Afrika ist einer von sieben Kontinenten. Europa ist ein anderer. Asien, Australien, Südamerika, Nordamerika, die Antarktika sind wieder andere.
          Ja, ich bin in Afrika. Die Meisten von euch sind in Europa. Aber die allermeisten von euch sind in Deutschland. Wenn ich also mit den allermeisten von euch kommuniziere so erfrage ich schon mal das deutsche Wetter (was ja immer noch sehr unaussagekräftig ist, da es regionale Unterschiede gibt, ja sogar Unterschiede von Stadt(teil) zu Stadt(teil)). Komischerweise wird von eurer Seite sehr selten die korrekte Landesbezeichnung in den Mund genommen. Stattdessen hört man Kommunikationsanteile weit entfernter und doch vertrauter Menschen wie: „Grüß Afrika“ oder „wie geht es dir in Afrika“ oder es wird gefragt, wie denn das Wetter in Afrika sei. Auch wenn ich sehr oft in den Wolken schwebe - ich bin kein Wettersatellit.
          Leute, Augen und Ohren auf! Afrika beherbergt 54 Länder, meine zweite Heimat nennt sich Tansania und ist eines davon. Tansania wiederum liegt im Osten Afrikas und ist somit Teil der ostafrikanischen Länder. Bitte, wenn ihr mit mir sprecht und schreibt benutzt den Ländernamen und nicht den des Kontinents. Wenn ihr es euch so richtig geben wollt habe ich euch eine kleine Auswahl vorbereitet:

  1. Tansania
  2. Singida (Region)
  3. Singida (Stadt)
  4. Karakana (Stadtteil)
Übrigens: Tansania als Zusammenschluss von Tanganjika und Sansibar (Inseln Pemba und Unguja) im Jahre 1964 hat dieses Jahr seinen 51sten Geburtstag. Herzlichen Glück-wunsch. Der Name „Tansania“ ist im Übrigen eine Kombina-tion aus Tanganjika, Sansibar, sowie der Bezeichnung Azania (Tan-sa-nia). „Azania“ wurde zur Zeit des Römischen Reiches als Bezeichnung für die ostafrikanische Küste ver-wendet. „Tanganjika“ ist die Bezeichnung des Festland-gebietes mit der Insel Mafia, welches 1961 Unabhängigkeit von der Mandatsmacht Großbritannien erlangte und sich drei Jahre später mit Sansibar zu Tansania verband.

Das ist gut. Man kann auch mal ein paar hard facts einbauen. In Tansania leben übrigens rund 41 Millionen Menschen, die 128 verschiedene Sprachen sprechen. Kiswahili ist eine davon. 


Alles klar, János. Aber läufst du jetzt auch nur mit Lendenschurz durch die Gegend?


In meinen 8 Monaten hier habe ich noch keinen einzigen Menschen nur mit Lendenschurz bekleidet gesehen. Was ich tatsächlich jeden Tag sehe ist wohl das exakte Gegenteil: gut gekleidete Menschen wohin man auch schaut. Auch wenn viele Menschen hier nicht viel Geld verdienen und besitzen so wird darauf Wert gelegt, nach außen hin einen gepflegten Eindruck zu machen. Allgemein lässt sich sagen, dass sich der Großteil der erwachsenen Männer mit Anzügen kleidet oder zumindest eine Anzugshose mit einem Hemd kombi-niert. Der Kleidungsstil der Damenwelt ist geprägt von bunten, schillernden, vom Schneider handgefertigten, Kleidern. Selbst die Mädchen besitzen schon handgefertigte Kleider. Was die Jugend Tansanias angeht so konnte ich beobachten, dass sich die „westliche Kleidungsweise(n)“ durchaus auch in Tansania großer Beliebtheit erfreuen. 
Sonderlich modebewusst war ich schon in Deutschland nicht. In Tansania bin ich es…auch nicht. Aber ich bin wirklich der Größte. Yes!
Nun ist es so, dass diese westliche Kleidung nicht in Tansania hergestellt wird und in Tansania auch keinen wirklichen Absatzmarkt findet , so wie wir ihn kennen. Damit meine ich Läden wie H&M, New Yorker, K1X, Hollister, uvm.
Solche riesigen Bekleidungsgeschäfte, die es in großer Zahl über das gesamte Land verteilt in beispielsweise Deutsch-land gibt, gibt es Tansania in den Großstädten. Dort, wo ich lebe, gibt es diese Realität nicht. Es hat Bekleidungsgeschäf-te, aber der Großteil der Realität hier ist, dass der kleinste Teil der zum Verkauf stehenden Kleidung fein säuberlich in Läden präsentiert wird. Der größte Teil hin-gegen findet sich in Wühlbergen und second-hand-areas. Nun ist es so, dass die Kleidung, die beispielsweise in Deutschland in Spenden-container geworfen wird, teilweise ihren Weg nach Tansania findet. Dort wird die Kleidung aber nicht kostenlos unter dem Volk verteilt. Das denken wohl die Meisten. Für einen guten Zweck Kleidung spenden, die man selbst nicht mehr benötigt, damit woanders Menschen etwas zum Anziehen haben. Das ist aber nicht so einfach. Wie sollte den dieses System funktionieren? Wer würde entscheiden, welche Region, welche Bevölkerungsgruppe, welches Individuum welches Kleidungsstück erhält?
          Das dieses System utopisch ist habe ich mir mal Gedanken darüber gemacht. Ohne die exakten Prozesse zwischen dem Einwerfen der Kleidung in den Container und dem Eintreffen in Tansania zu kennen kann ich beobachten, dass es viele Bereiche gibt, in denen sich second-hand-Händler niedergelassen haben. Kleidung kommt aus Amerika, Europa und aus Afrika selbst! Benard hat mir eben erzählt, dass man hier Kleidung aus beispielsweise Burundi, Sambia oder dem Kongo erwerben kann. Eine Art Recycling. Diese Anziehsachen werden auf dem Land-, Wasser-, vielleicht auch Schienen- und Luftweg beispiels-weise nach Tansania befördert und kommen zum Großteil wahrscheinlich in Dar-es-Salaam an (Küstenmetropole Tansanias) an. Von dort aus werden die Kleidersäcke sogar in die entlegensten Dörfer transportiert. Nun kann man sich dann irgendwo so einen Kleidersack kaufen und die darin enthaltenen Ware selber für günstiges Geld weiterverkaufen. Ohne die genauen Prozesse zu kennen kann ich sagen, dass durch diese Prozesse Menschen eine Arbeit finden und etwas verdienen und wieder andere Menschen für günstiges Geld durchaus gute Kleidung finden können. Kritische Stimmen meinen es sei Fakt, dass dadurch die lokale Schneiderindustrie Einbußen erleide, da die Menschen lieber „fertige“ Kleidung kauften anstatt sich Kleidungsstücke schneidern zu lassen. Schneider hat es hier wie Sand am Meer, oder Schüler in den fünften Klassen der Grundschule Minga. Schneiderinnen hingegen gibt es prozentual wenig, die Schneidertätigkeit ist also ein ziemlich männlicher Broterwerb. Meiner Meinung nach gibt es aber nach wie vor Menschen, die die lokalen Schneidereien nutzen, grade die Damenwelt mit ihren kreativen Kleidern. Ich persönlich habe diese Möglichkeit, mit Kleidung auf den Leib schneidern zu lassen, bisher kaum genutzt. Da ich aber bereits einige Stoffe besitze, die ich bereits eingemottet habe (Achtung: Ironie), könnte ich bei Gelegenheit mal zum Schneider meines Vertrauens gehen. Ich habe gar keinen...
          Ich meine dieses System, so wie es ist, ist nicht als grundlegend falsch zu betrachten, denn es gibt Menschen Arbeit, anderen die Möglichkeit, günstig Kleidung einzukaufen und es scheint die Antwort auf die Frage zu sein „wer bekommt was und wie viel?“ – Jeder, mit dem nötigen Kleingeld kann die Kleidung an „Verkaufsstellen“ (oftmals ein Wühlberg im Hof eines Familienhauses) erwerben, die der jeweilige Verkäufer wie-auch-immer irgendwo herbekommen hat. Jedoch gibt es trotzdem Tansanis, die es sich nicht leisten können, diese Kleidung zu erwerben. Dahingehend ist dieses System nicht richtig, denn die Ärmsten bekommen so kein Stück vom gespendeten Kuchen…

Für weitere Informationen zu diesem Thema empfehle ich einen Auszug aus dem neuesten Blogeintrag von der Anne:
anneinsingida.blogspot.com


Nicht meine Geduld sondern der Blogeintrag neigt sich dem Ende zu. Themen sind noch genug zur Auswahl, aber mit bald 3.000 Worten und ca. 30 Bildern ist dieser Auszug aus meinem Hirn schon weit genug. Ich arbeite bereits an einem weiteren Projekt. Gedanklich.
Bevor ich euch nun aber wieder eurem Schicksal überlasse schiebe ich noch ein paar persönliche Geschichten ein.




1) Was meine Oma so alles macht.


"Heaven is the limit" - mein Bro und
 ich mit meiner geschneiderten Zebrashorts


In meinen letzten Ferien war ich außer Haus. Ich zusammen mit meinem Bruder und Pascal, einem guten gemeinsamen Freund. Oma hat’s möglich gemacht. Vielen Dank Oma, das waren unvergessliche Tage! Wir sind in die Kilimanjaro-Region nach Moshi gereist (eine große Stadt, welche übersetzt so viel wie „Staub“ bedeutet – oh, wie treffend.) Genauer nach kirua mvunsho (die korrekte Schreibweise, falls sie das nicht ist, ist mir bis heute ein Rätsel), einem sehr abgelegenen Dorf auf
dem Hang eines Berges. Sehr grün, sehr schön. Um von der letzten Teerstraße am Fuße des Berges ins Dorf zu kommen muss man für ca. 15-20 Minuten ein Motorradtaxi in Anspruch nehmen. Umgekehrt geht es logischerweise schneller und kostet auch weniger, da die Motorradtaxifahrer fast den gesamten Rückweg im neutralen Gang fahren können und somit kaum Sprit verbrauchen. Oben angekommen wandert man noch einmal über 10 Minuten den Berg hoch um das Haus meines Gastvaters zu erreichen, in welchem seine Schwester haust. Dort ist meistens auch der Gunter anzu-treffen. Der Gunter ist ein Freiwilliger in diesem Dorf und er lebt dort zusammen mit seiner Gastmama, die gleichzeitig die Schwester meines Gastvaters Rich ist, dem Haus-mädchen und einem Kind. Alles sehr nette Menschen und man möchte am liebsten gar nicht mehr gehen. Denn abgesehen von dem Fakt, dass dort alles sehr schnell dreckig wird und man kiloweise Matsch unter den Schuhen hat, wenn sich die Wolken wieder mal ausgequetscht haben (Regenzeit), sind die dort anzutreffenden Menschen meiner Erfahrung nach sehr angenehm und der Ausblick ganz oben ist der Wahnsinn. Die meiste Zeit unserer Zeit verbrachten wir drei also das Leben in vollen Zügen genießend auf Gipfel des Berges, das Tal mit weiteren Bergen zu Füßen und den Kilimanjaro zur Rechten. Der höchste Berg Afrikas und gleichzeitig der höchste Berg der Welt, der nur durch sich selbst steht, zeigt sich einem dort bei guter Wetterlage.


Dieses unglaubliche schöne Panorama erregt doch die Sehnerven














2) Benard hat eine Familie







Um das zu prüfen reiste ich am vorletzten Wochenende „[…] mit meinem Bruder zusammen im Tourbus durchs Land“ (Samy Deluxe). Unser Ziel war Mwanga, ein Dorf in 80km Entfernung, für die man aber mit dem Bus, so wie er fährt, zwischen 3,5 und 4,5 Stunden einplanen kann. Nachdem wir tatsächlich dort ankamen wurden wir von dem Michael begrüßt. Der Michael ist auch ein Freiwilliger wie der Gunter, allerdings ein anderer. Und er treibt sein Unwesen in Mwanga, nicht auf dem Berg. Nachdem wir das halbe Dorf begrüßt hatten, da Benard dort lange Zeit gelebt hat und man in Dörfern ja bekanntermaßen viele Dorfbewohner kennt, ging’s zu Benard nach Hause. Bevor wir aber schon wieder loszogen, um den unglaublichen Nachthimmel zu beäugen, lernte ich Benards super Familie kennen. MAN KANN DIE MILCHSTRAßE SEHEN! #ohmyg*d
Benard, der kleine Nico, ohne den wir den
Weg vlt gar nicht gefunden hätten und
 ich hinter der Kamera.
Des Weiteren: meterhohe Killerpflanzen
Auch dort verbrachten wir die meiste Zeit draußen, am Fluss, durch die Gegend tigernd und wandernd auf der Suche nach Benards Oma. Ich meine, Mwanga ist ja an sich schon abgelegen, aber Benards Oma ist noch abgelegener. Ein ungefähr halbstündiger Fußmarsch durch die Wildnis, während dem ich zirka ein Haus eräugen konnte, endete dann an den Toren des Hauses von Benards Oma. Benards Oma ist wirklich besonders alt. Aktuelle Studien, die Benard selbst angestellt hat, haben ergeben, dass Benards Oma über 100 Jahre alt sein muss! #duhastdichwohlverschrieben

Die Kraft des Regens. Und Nico.
Das Maislager. Darin enthalten: Mais - die Hauptnahrungsquelle dort.
Das ist für deutsche 
Verhältnisse schon unglaublich alt. Für tansanische Lebens-erwartungen ist das noch viel unglaublich älter. Diese gute Frau, die so weit weg von allem lebt war NIE in ihrem sehr geschichts-reichen Leben im Krankenhaus war, weil sie sich selbst zu helfen weiß. 
Vielleicht ist das manchmal die bessere Entschei-dung nicht ins Krankenhaus zu gehen. Oder immer.
 Benards Oma spricht kein Swahili, nur ihre Stammes-
sprache Kiiraq. Mir machte das die saubere Verständigung unmöglich und gleichzeitig klar, dass man eine völkereinigen-
So läuft das dann. Maiskolben zum 
Rösten, Maiskerne zur Weiter-
verarbeitung.

de Sprache so fern-ab von allem schlicht und einfach nicht braucht. Solange man mit Menschen desselben Stammes zusammenlebt, was Benards Oma tut. Sie ist sogar die Clanführerin 



Kiswahili ist die Verständigungssprache im ostafrikanischen Raum, die den verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit ihren vielen unterschiedlichen Sprachen (128 allein in Tansania) die Chance gibt, sich zu verständigen.

Alles in allem ein sehr wichtiger, interessanter, aufschlussreicher und ausgenutzter Wochenendtrip während welchem ich Franco kennenlernte. Franco ist ein Spitzensänger, der leider in Mwanga keinerlei Chancen hat sein Talent an den Mann zu bringen. Zusammen mit Franco reimten und sangen wir nächteland alles was sich reimen und singen lässt!


Eine von den Bewohnern handgefertigte Brücke, die bei Wasser im Fluss noch mehr Sinn macht.


3) Erster-Mai-Wanderung durch Tansania wie in Deutschland. Nur anders.

Da dieser Eintrag schon wieder echt viel zu lang ist nur das Wichtigste:
János dachte sich wohl: „Warum nicht mal wie in 


Unser Partyvan. Dekoriert für 2h Einsatz.
Deutschland?“
Gedacht, getan. Am ersten Mai, dem Tag der Arbeit, der 
auch hier ein Feiertag ist, zog ich mit meinen Leuten los, nachdem wir Lehrer der Ipembe Grundschule zusammen mit unserer kleinen Schülerband und den ganzen anderen Berufsgruppen dieser Gegend einen Festmarsch veranstaltet hatten („mei mosi“ = Tag der Arbeit).
Benard und ich hatten im Vorfeld alles organisiert, sodass wir unseren ersten Mai in unserer „Höhle“ auf und in den Felsen genießen konnten. Wir kochten zusammen auf dem Kohlegrill, machten uns danach Steaks (4kg Fleisch zu acht) und tranken auf das Leben. Ich brachte meine beiden x-mini Boxen mit und dank der Höhle wurden die Schall-wellen reflektiert und wir konnten eine Party feiern. Klingt alles wahrscheinlich lange nicht so gut, wie es in Wahrheit war. Aber stellt euch vor: Freunde + super Essen + ein Bierchen + BBQ + laute Mucke (jeder deiner Freunde hat denselben Musikgeschmack) + Freestyles + die nach wie vor atemberaubendenFelsen! 
#dasklingtwohldochbesseralsgedacht

Falls euch das nicht umhaut: bei den meisten von euch hat’s geregnet, hier nicht.





Jetzt hab ich ja gar nichts über die Arbeit und mein Faustballprojekt an der Schule und von meinen Schülern verlauten lassen. *mentaler Vermerk für den nächsten Eintrag*

So, das war’s von mir, ich leg das Laptop weg, wenn ich schon nicht den Löffel abgeb, da Benard superleckeres Essen auf den Tisch gezaubert hat.
Kritik und/oder Lob erwünscht.

Adios amigos und peace.



Anhang: meine kleine Bildershow für euch - zurücklehnen und genießen!


Mount Kilimanjaro aus dem Busfenster abgelichtet. Es ging von Moshi retour nach Singida.


Der höchste Felsen weit und breit. Erklommen vom höchsten Menschen weit und breit.

Ein Tabuthema anschaulich aufbereitet für's Auge - Das Kondomauto. Meiner Meinung nach eine gute Sache. Aufklärung und die Möglichkeit zum Schutz - direkt in der Schule. Leider gab es keinen Vortrag o.Ä. - gekauft hat auch niemand was...


Ein schicker Schnappschuss in Mwanga.
Wir haben einen Beamer in der Schule! Den hatte ich zur Reparatur daheim. Nicht nur zur Reparatur...


Pascal und Benard (und ich, jedoch unsichtbar) vor der Höhle während eines traumhaften Sonnenunterganges.


"Der Wassertank" - Kein Romantitel, sondern einer unserer Stammplätze.

Unsere neueste Entdeckung. Das Hinterland. Wow.

Unser letzter Sundaytrip am Lake Singidani. Sonnenuntergang deluxe - wie ein Gemälde.

Die Lehrer kochten für die Lehrer als eine ehemalige Lehrerin im Lehrerzimmer uns Lehrern einen Besuch abstattete. "Gute" Kreide, die zwar leicht zerbricht, aber super schreibt, wird aus normaler Kreide hergestellt, die in der heißen Asche vergraben wird.


Sonntag, 8. März 2015

Zeitreisen in der Gegenwart


Hallo und herzlich Willkommen zu einer neuen Ausgabe von „Zwei Meter Deutschland exportiert


In dieser Folge möchte ich einige interessante Dinge aufgreifen, die besonders meine Landsleute im Deutschen Land so nie erfahren hätten. Auf dem Programm stehen bewusstlose Käfer, Irrtümer mit der Kanzlerin, eine Gruselgeschichte und vieles mehr.
                Zum Warmwerden möchte ich euch bitten einen Spiegel aufzusuchen und zu versuchen, die „Augenbrauenwelle“ zu meistern. Das dient der der Auflockerung jener Muskeln und Sehnen, die euch helfen werden, diesen Blogeintrag aufmerksam zu verfolgen. Außerdem dient es der Belustigung jener Menschen, die euch dabei beobachten.
Aber Obacht! Bitte aufhören, bevor sich eure Augenbrauen verkrampfen – ich glaube nicht einmal das Internet hat ein Rezept, die Augenbrauen zu dehnen…
Menschen mit einer Monobraue haben einen optischen Vorteil.

So, und nun zum Eingemachten. „Marmelade“, würde Oma sagen.
Als ich vor einem halben Jahr, genauer vor sechs Monaten, hierher kam hatte ich ein Plastikbehältnis, mit praktischem Dosieraufsatz, gefüllt mit Honig aus der Heimat mit im Gepäck. Dieses war jedoch relativ schnell leer, obwohl ich es nur zu besonderen Anlässen herauskramte. Was ich aber während meiner Vorbereitungszeit für dieses Freiwilligenjahr in Tansania nicht herausfinden konnte war, dass es hier auch Bienen, dass es hier auch Honig gibt. Eines Morgens stand ein Glas tansanischer Honig auf dem Frühstückstisch (wir haben natürlich nicht drei Tische, einen für jede Mahlzeit. Die Bezeichnung des Tisches verändert sich, und das finde ich, ist schlau gelöst, je nach anstehender Mahlzeit. Zwischen den Mahlzeiten wird der Tisch aber einfach Tisch genannt.) und ich war sehr glücklich. Die Brotvielfalt, wie wir sie in Deutschland kennen, ist in jeder Hinsicht viel vielfältiger als hier. Ungetoastetes Weißbrot ist das einzige Brot hier. Auf meinem London-Austausch noch verflucht, habe ich mich längst daran gewöhnt und sogar eine ganz eigene Konsumtechnik entwickelt. Man nimmt zwei Scheiben, bestreicht die oberste mit „BlueBand“ (butterähnlich) und bestreicht dann die „BlueBand“-Schicht mit Marmelade oder Honig. Man spart sich Arbeit.
Bei Honig war ich. Vor drei Wochen fanden die Lehrerinnen bei mir an der Schule heraus, dass ich ein riesen Honig-Fan bin und mir wurde versprochen, dass ich am nächsten Tag ein Glas Honig aus dem Heimatdorf meiner Lieblingslehrerin erhalten werde. Das tat ich auch – es war köstlich. Also keine Sorge Mama, hier gibt es Honig!
                Bevor ich nun im Programm fortfahre, möchte ich kurz unterbrechen und bekanntgeben, dass ich zurzeit daheim bin, weil mein Magen sich scheinbar immer noch nicht an die fremden Keime und sonstige Erreger gewöhnt hat. Das wirklich interessante ist aber, dass heute eine gute Hand voll Lehrerinnen aus meiner Schule in unserem Wohnzimmer saß, als ich dieses auf Geheiß meines Bruders aufsuchte. Ein Krankenbesuch. Mein Gesicht verwandelte sich in ein großes Lächeln, denn damit hatte ich nicht gerechnet; aber rechnen können, da Krankenbesuche hier in Tansania an der Tagesordnung stehen. Ich werde in der Schule vermisst und ich muss sagen, dass ich auch so schnell wie möglich wieder zur Arbeit möchte. Besuche im Allgemeinen sind hier so selbstverständlich, wie sich in Deutschland die Hand zu geben. Hier wird kein Urlaub gemacht. Wenn man frei hat und wo anders hin möchte, dann besucht man Freunde und Verwandte. Reisen „ohne Sinn und Ziel“, so wie  wir Freiwilligen es getan haben auf unserer Safari, wird hier nicht verstanden. Andere Länder, andere Sitten. Aus diesem Grund habe ich mir angewöhnt zu sagen, dass ich entweder Arbeiten gehe (das Zwischenseminar in Moshi) oder eine(n) Freund(in) besuche, wenn ich „reise“.

Es sind vor allem die kleinen, auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge, die mich so faszinieren, wenn ich sie entdecke. So finde ich es beispielsweise ziemlich beeindruckend, dass mein Bruder das Wissen und die Technik besitzt, einen Käfer bewusstlos zu drücken. Ich muss dazusagen, dass diese großen schwarzen Käfer immer angekrabbelt kommen, wenn wir abends auf den Felsen sitzen und Musik hören. Anstatt einen solchen Käfer nun wegzukicken (er würde wieder kommen) oder gar zu töten (er läge zermatscht an unserem Sitzplatz), nutzt Benard dieses Wissen, um ihn mit seinem Fuß bewusstlos zu drücken, also genau so viel Druck auf den Körper des Käfers anzuwenden, dass dieser das Bewusstsein verliert. Er kann diesen Moment spüren und ich möchte das lernen. Danach kann er weggekickt werden und wenn der Käfer wieder das Bewusstsein zurückerlangt ist er so verwirrt, dass er woanders hinkrabbelt. Diese Erfahrung regt mich an, in größeren Zusammenhängen zu denken. Das Verhältnis der Tansanis zur Natur, die Beziehung zu Tieren.
Vermutlich gibt es in Deutschland niemanden, der Käfer mit seinem Fuß bewusstlos drücken kann.

Eine andere interessante Erfahrung habe ich in Moshi während des Zwischenseminars gemacht. Eines Abends waren wir in einem Pub. Hier in Singida gibt es zwar Bars und Nightclubs, aber verglichen mit den Lokalitäten in der großen Stadt Moshi ist das nichts. In dieser Bar entdeckte ich auf der Getränkekarte ein Getränk namens „Jagamasta“. Schnell wurde klar, was damit gemeint war: klar, der Kräuterschnaps „Jägermeister“ aus Deutschland. Zum einen war ich überrascht einen deutschen Schnaps hier in Tansania zu finden und auf der anderen Seite mit meinen Gedanken schon wieder viel weiter. Wieso steht dort „Jagamasta“ und nicht „Jägermeister“? – Naja, Kiswahili ist nun einmal nicht Deutsch und mir ist bekannt, dass es den „ä“-Laut in dieser Sprache schlicht und einfach nicht gibt. Deutsch ist eine schwere Sprache und Kiswahili-Sprecher benutzen gerne und häufig englische Worte, wenn es beispielsweise kein entsprechendes Wort für das englische Wort im Kiswahili gibt. Meine Erklärung für dieses Ergebnis ist also, dass es wohl einige Tansanis geben muss, die Jägermeister mögen und er deshalb in Pubs angeboten wird. Was den Namen angeht, so wurde aus Jäger „Jaga“, dem fehlenden „ä“-Laut geschuldet, und aus Meister wurde „masta“, was dem englischen „master“ ziemlich nahe kommt. Interessant finde ich aber, dass auf der Getränkekarte nicht die korrekte Bezeichnung für dieses bewusstseinserweiternde Elixier steht sondern Jägermeister so geschrieben wird, wie man es hier ausspricht.
Anmerkung: Benard, mein Bruder, ist in der Lage Jägermeister korrekt auszusprechen. Er wird aber die Ausnahme sein, denn nicht viele Tansanis leben seit Jahren mit Deutschen unter einem Dach und lernen ab und zu ein bisschen Deutsch.
                Das Zwischenseminar haben wir Tansania-, Kenia und Malawifreiwilligen vor ein paar Wochen hinter uns gebracht. Leider. Es war eine super Sache alte Bekannte und Freunde wiederzutreffen, während der Seminareinheiten Erfahrungen auszutauschen und bei 1,2 oder mehr Bier(s) tiefer zu gehen. Für mich persönlich war nicht das Seminar mit seinen Einheiten das Wichtige, sondern vielmehr aus dem Alltag auszubrechen und ein paar Tage mit Landsleuten zu verbringen.
Das soll keinesfalls den Eindruck erwecken, dass ich meine tansanischen Beziehungen nicht schätze, nein, ich liebe sie. Es war nur eine gute Gelegenheit seine Energiereserven wieder aufzuladen und mit neuer Motivation zurückzukehren. Das Essen vor Ort im Hotel schmeckte nach fünf Sternen und war so üppig wie ein ganzer Sternenhimmel.

Eine interessante Anmerkung: Unser sehr verehrter Bundespräsident Joachim Gauck war zur selben Zeit gerade in Arusha, nicht weit entfernt von Moshi. Ein paar Verwechslungen später dachte viele Menschen, die ich kenne, dass der Präsident Deutschlands (also die Kanzlerin) in Arusha war. Als ich also nach dem Seminar wieder in mein Projekt zurückkehrte und am darauffolgenden Tag das Lehrerzimmer betrat, wurde ich gefragt, ob ich mich mit dem deutschen Präsident getroffen habe (Kanzler/in ist hier noch keine durchgedrungene Bezeichnung für den/die Führer/in unserer Nation).
Anscheinend hat sich wohl niemand wirklich Gedanken darüber gemacht, aus welchem Grund ich mich den mit der Angela hätte treffen sollen. Vielleicht werde ich auch nur für viel zu wichtig gehalten ;D
Auf jeden Fall habe ich mich nicht mit der guten Frau getroffen, aus welchem Grund ich das auch immer hätte tun sollen, und das Missverständnis war so schnell vom Tisch wie frische Avocados, die eine Lehrerin als Geschenk mitgebracht hat.
Apropos Geschenk: ein "zawadi" (Geschenk) ist hier sehr üblich, wenn man von einer Reise oder einem Besuch zurückkehrt. Da dachte ich mir also, dass ich die vielen frischen Avocados aus dem Dorf von Gunter (ein Mitfreiwilliger), den wir vor dem Zwischenseminar besucht hatten, ja als Geschenk überreichen konnte. Das käme gut an. Die Avocados kamen aber nicht gut an - nach der Busfahrt waren alle bis auf eine zermatscht. Diese eine bekam die gute Pili, das Hausmädchen der Vermieterin, in deren Wohnkomplex wir auch leben. Wenigstens ein zawadi zugestellt... 


„Jeden Tag raus mit den Jungs treffen“

Vielleicht sollte ich noch ein paar Worte zu meinen tansanischen Beziehungen loswerden:
        Seit kurzem bin ich tief gegangen. Ich bin von meinen Bruder Benard in dessen, zu dieser Zeit mehr oder weniger festen, Freundeskreis eingeschleust worden und fühle mich dort wohl, wie eine Made im Speck. Viele von euch wissen vermutlich, dass wenn es um Musik geht, mein Herz für Rap und HipHop schlägt. Ich meine, ich habe immer schon viel Musik gehört und Rap und HipHop waren die Favoriten. Dann ist aber etwas passiert, was ich mir während der Vorbereitungszeit und in den ersten Monaten nie erträumt hätte: mein Bruder teilt meine Interessen. Seine Freunde und Kumpels tun das auch. Viele seiner Freunde sind selbst Rapper oder Reggae-Dancehall-Sänger. Yes, sir!
Nach kurzer Zeit gingen Benard und ich dazu über, Musik nicht mehr nur zu mögen und zu hören, sondern zu lieben und zu fühlen. Schnell fanden sich Tracks, die man vorher schon mochte, aber man hatte sich nie wirklich Gedanken darüber gemacht hatte, wieso. Wir lernten Musik zu verstehen, unterhielten uns und verglichen die Flows, die Themen und die Vergleiche.
Kurze Zeit später fanden wir uns in unseren Zimmern wieder und schrieben selber Texte. Wir schreiben Texte, treffen uns, unterhalten uns darüber, helfen uns gegenseitig, hören Musik und alles passt. Mittlerweile sind wir eine 7 Mann starke Crew von jungen Männern, mit denselben Interessen und das ist Gold wert!
Schnell waren wir uns einig, dass unsere Musik keine Muttersprache hat. Rap spricht viele Sprachen und so ist es nach nur kurzer Zeit Realität, dass ich auf meinem Handy sowohl tansanischen, kenianischen, südafrikanischen, französischen, amerikanischen, englischen, deutschen, jamaikanischen,… Rap habe. Das Beste in meinen Augen ist aber, dass meine tansanischen Freunde deutschen Rap, HipHop und Reggae hören und ihn lieben und weiterverbreiten. Benards Lieblingstrack ist Sidos „Halt Dein Maul“. Ich sehe das als einen sehr wichtigen Teil des interkulturellen Austausches, der sehr wichtig ist für meinen Freiwilligendienst. Musik , gerade „Conscious Rap“, ist in den Leben derer, mit denen ich auf regelmäßiger Basis verkehre nun einmal ein fester und extrem wichtiger Bestandteil und ich bin dankbar, ihre Leben ein Stück weit bereichern zu können da wir so etwas auch in Deutschland haben. So wie sie meines jetzt schon in hohem Maße bereichert haben.
Ich hatte mir das, was ich jetzt habe ehrlichgesagt nicht einmal erträumen können.

Unser Zuhause und die unserer Leute

               
„Tupo ng’ongo. Ndio, ng’ongo karibu ya bara bara kalalu. Leta soda na karanga!“
(~Wir sind bei den Felsen. Ja, die Felsen nahe der Kalalustraße. Bring Soda und Erdnüsse mit.)
                Die übliche Frage, wenn man Freunde treffen möchte, die schon mal vorgegangen sind. Meine Liebe zu den Felsen habe ich ja in vorigen Einträgen bereits zum Thema gemacht. Es gibt aber Neues. Unser „alter Platz“ wird schon seit einigen Wochen nicht mehr aufgesucht. Seitdem ich das Gefühl habe, wirklich angekommen zu sein in diesem einst fremden Land, haben sich einige Prozesse in Gang gesetzt. Beispielsweise weiß ich jetzt, wo meine Freunde wohnen. Das ist keineswegs vergleichbar mit Deutschland. Meiner Erfahrung nach, also speziell dem Verhaltensmuster meines Freundeskreises entsprechend, trifft man sich nicht bei einem Freund zuhause. Man trifft sich draußen, tut was man zu tun hat und dann trennen sich die Wege in viele Richtungen. Nach dieser kurzen Einführung in meine Realität muss ich anmerken: Ich war bei ein paar Freunden zuhause. Ich kenne ihre Eltern. Eines schönen Abends wurden wir also alle von KP eingeladen. Das war neu. Eines anderen schönen Abends wurden Benard und ich von seinen Eltern zum Essen eingeladen – wow. Wir lernten seine Eltern kennen. Das war neu. Ihr müsst wissen, dass es, nicht verallgemeinernd gesprochen, so ist, dass die Beziehung auf ein anderes Level hebt, wenn man die Eltern des Freundes kennengelernt hat. Wirklich. Eines anderen schönen Abends wurde von der kompletten Crew der Wunsch geäußert, dass sie gerne meine Mama kennenlernen möchten. Wirklich. Leider ist es uns nicht möglich uns in Tansania zu treffen. Persönlich. Versprechen konnte ich dennoch eines: Ich werde meinen Freunden meine Familie via Skype vorstellen.

               
Das Mekka der Jugend a.k.a. So nah an der Geschichte wie ein Zeitreisender

Ein anderer Prozess der in Gang gesetzt wurde ist, dass wir unsere Umgebung seit Kurzen aktiv erkunden. Viele meiner Freunde wurden hier in Singida (Singida = Stadt, StadtDorf) geboren und sind hier aufgewachsen. Folglich kennen sie die Gegend hier wie ihre Hosentasche. So ist es auch nicht erstaunlich, dass sie ein paar „fuckin‘ A!“- Plätzchen kennen. Plätze, die so einzigartig und wunderbar sind, dass ich bald Mülleimer installieren werde, um die Vermüllung dieser Paradiese zu vermeiden. So wandert unser Standart-Aufenthaltsort von Zeit zu Zeit ein Stückchen weiter und andere Felsen werden von der Jugend des Landes besiedelt. Zurzeit sind wir nicht AUF den Felsen angesiedelt sondern vielmehr UNTER und DAZWISCHEN. Genau, wir verbringen Zeit in nicht leicht begehbaren (aber ungefährlichen) „Höhlen“. Damit ihr keinen falschen Eindruck bekommt, weil jeder ein anderes Bild im Kopf haben wird, wenn ich paradiesische Höhle sage, werde ich Bilder anhängen, die Irrtümer vermeiden werden. Das wirklich Interessante ist aber, dass vor langer Zeit genau dort die Vorfahren meiner Freunde gelebt haben. Mir wurde gezeigt, wo sich die Schlafplätze befanden. Mich hat das sofort begeistert! Wow, ich verbringe Zeit an einem Ort, den ich liebe, der dazu noch so geschichtsträchtig ist. Erfahrungen wie diese bedeuten die Welt für mich in diesem Moment.



Alle unsere (bisherigen) Plätze auf, zwischen oder unter den Felsen + unser Haus.


„Ich bin so nah an der Geschichte. Ich lebe die Geschichte.“
                Ich interessiere mich sehr für die lokale Geschichte. Dieser Ort, den ich gerade beschrieben habe, ist aber noch viel geschichtsträchtiger. Nicht genau dieser Ort, nicht die Felsen. Nein, ein paar Meter weiter. Ja, die Straße. Die Straße? – Ja, die Kalalu street.
Lehnt euch zurück und folgt mir aufmerksam: Vor vielen Jahren, als die heutige Kalalu street noch ungeteert war, die Umgebung noch unberührte Natur war und es nur ein einziges Haus an der Sandstraße gab, die aber eine wichtige Verbindungsstraße nach Arusha war. Das Haus selbst war riesig und es hatte ein Untergeschoss – einen Keller. Meiner Erfahrung und Erzählungen meiner Freunde nach gibt es hier so etwas wie Keller nicht. Eine Besonderheit. Nichts Wunderbares, denn was in diesem Haus von Statten ging und was in diesem einzigartigen Keller passierte ist der blanke Horror. Der Besitzer des Hauses, Herr Kalalu, war ein böser Mann, ein Serienmörder. Der Geschichte nach hat er über die Jahre 500 Menschen ermordet. Warum er das tat? – Er war eine Art Geschäftsmann. Sein Konzept war simpel und es machte sich bezahlt: denjenigen Menschen, die er, wie auch immer, in sein Keller beförderte, entzog er das Blut und verkaufte dieses illegal. Was mit den ganzen blutleeren Leichen passierte, weiß keiner so genau...
500 Menschen fanden in seinem Keller einen grausigen Tod. Es bleibt aber eine Frage offen: Wie konnte er über eine so lange Zeit eine so grausig hohe Zahl an Menschen ermorden, ohne entdeckt zu werden? Korruption. Traurig aber wahr. Auch damals schon gab es Korruption im Land und so kam es, dass es Polizeibeamte gab, welche die Realität im Hause Kalalu kannten, aber mit Geld zum Schweigen und Weggucken gebracht wurden. 500 Menschen fanden den Tod und Herr Kalalu war ein gemachter Mann mit Blut an den Händen. Das ist aber noch nicht alles, nein.
Heute sitze ich auf den Felsen und mache mir Gedanken über dieses Stück Geschichte Singidas. Mit einem Blick auf die Erde kann ich sehen, dass die Straße geteert ist. Das Haus steht noch, es wird als eine Art Museum sogar vom Staat finanziell unterstützt. Menschen zogen an die Straße. Sie leben in direkter Nachbarschaft. Es gibt jemanden, der im Hause des einstigen Monsters wohnte und es im Auftrag des Staates bewohnt. Eine Art Museumswächter. Herr Kalalu ist irgendwann gestorben nachdem er floh. Er wurde nicht ermordet. Die Straße ist nach einem grausamen Mörder benannt (auf die Spitze getrieben wäre das deutsche Äquivalent eine (Adolf-) Hitler-Straße - undenkbar in Deutschland).
Ende der Geschichte.

Unser aktueller Platz IN den Felsen und gegenüber das Haus des Monsters (noch ohne Nachbarshäuser)

 Bald bekommt ihr wieder von mir zu hören, wie Lehrer beim Elternabend. Dann noch mehr interessante Stories, mehr Bilder und mehr BOOOOOOM!

Ich glaube sogar, dass der nächste Blog hauptsächlich aus Bildern bestehen wird, da es da echt gute Dinger dabei hat, die ich ein wenig kommentieren werde und die ihr dann mit diesem Blogeintrag hier in Zusammenhang setzen könnt!

Euer János, der genau (↓) hier wohnt!



Welcome to my hood.

Mittwoch, 31. Dezember 2014

In 23 Tagen durch 10 Welten

Wenn einer eine Reise tut...

...und andere dasselbe tun.


Einen wunderschönen Sonntagabend aus dem doch noch sehr warmen, verregneten Tansania, in welchem ich mich seit Kurzem wieder befinde. Ich war auf Reisen, jetzt bin ich wieder daheim. Erstaunlich wie schnell eine anfangs ungewohnte Umgebung zum neuen (allerdings temporären) zu Hause werden kann.
        Am besten ich beginne mit dem Anfang. Manche mögen sich vielleicht wundern, weshalb sie schon so lange nichts mehr vom "Afrikános" (wie mich meine Freunde in einem handschriftlich verfassten Geburtstagsgruß betitelten) gehört haben. Nun, das hat so seine Gründe - dass ich nichts zu erzählen habe ist keiner davon. Einerseits war ich die letzten drei Wochen damit beschäftigt Afrika zu erkunden, zumindest einen Teil. Andererseits wird die momentane Jahreszeit hier Regenzeit genannt und wie sich einige vermutlich denken können regnet es zurzeit in dieser Zeit. Wenn es nun also mal wieder regnet, so kann man die Sache mit dem Internet eigentlich vergessen. Oder es ist Stromausfall. Für diesen Fall habe ich eine Kerze und ein Buch mit Gruselgeschichten.

          Ein neuer Absatz bringt oft frischen Wind in komplexe, lange und gedanklich unordentlich geordnete niedergeschriebene Gedankengänge. Damit sich nicht bereits jetzt ein Großteil meiner Leserschaft mit den Worten/dem Gedanken "OhmeinGott,jetztschwafelterwieder,schweiftabundkommtehnieaufdenPunkt" vom Monitor abwendet, komme ich jetzt auf den besagten Punkt. Alles begann vor...vielen Tagen. Also ziemlich genau Anfang Dezember, nachdem die Schule bereits seit einigen Tagen geschlossen war. Am Vortag unserer (Ab-)Reise wusch ich noch fleißig alles, was sich waschen lies ohne sich zu wehren und war erzürnt, als sich ein Regenschauer von hinten anschlich und mich kalt erwischte, als ich gerade alles säuberlich auf Wäscheleinen aufgehängt hatte. Ich erinnere mich zurück an den Tag, an dem ich lernte, dass man mithilfe von problemlösungsorientiertem Denken Probleme lösungsorientiert lösen kann und begann, Wäscheleinen quer durch mein nahezu quadratisches Zimmer zu spannen. Grund hierfür war natürlich, dass besagte Dinge am nächsten Morgen mit auf die Reise mussten. Als alle Freiwilligen, die am nächsten Morgen zusammen mit mir abreisen wollten, bei mir eingetroffen waren, blieb uns nichts anderes übrig, als sich unter meiner trocknenden Kleidungsschaft zu versammeln. Bis auf die Tatsache, dass die Türe nicht mehr schließbar war, war das Unterfangen aber ein Riesenerfolg, denn am nächsten Morgen konnten meine Mitfreiwilligen, ich und vom Hoodie bis zur Socke alle mit auf die Reise - keiner musste da bleiben.
          Mit dieser mehr oder weniger sinnvollen Einrückung möchte ich nun zusammen mit euch an das sogenannte "Eingemachte" gehen. Unsere Reise begann also in meiner Stadt Singida (alternativ: in der Stadt, in der ich lebe, genannt Singida) am Busbahnhof und führte uns schnurstracks in die Landeshauptstadt Dodoma. An sich eine traurige Stadt, denn obwohl sie die Hauptstadt ist, befinden sich nur 25% des Verwaltungsapparates in dieser Stadt, die restlichen 75% in Dar-es-Salaam, der internationalen Küstengroßstadt Tansanias. Eigentlich kann man sagen, dass diese Stadt ziemlich versagt hat. Möglicherweise war das der Grund, weshalb wir nur eine Nacht dort verbracht haben. Möglicherweise mussten wir auch einfach nur weiter, weil der Zeitplan straff war, wie skinny-Jeans. Den zweiten und dritten Tag unserer Reise verbrachten wir in Iringa. Dort aß ich BBQ-Maiskolben und erwarb eine extra für mich angefertigte Hose im Dude-Style (vielleicht sind einige von euch mit dem Klassiker "The Big Lebowski" vertraut) auf dem Maasai-Market. Bereits in Dodoma, wo die Häuser höher sind als in Singida, ergriff die Mitfreiwillige Anika die Gelegenheit, sich Rastas flechten zu lassen. Nach gut 6 Stunden war es geschafft und fortan wandelten die beiden Mitfreiwilligen Anne (welche sich die Trendfrisur bereits im Heimatort hat reinflechten lassen) und Anika mit einem Echthaar-Falschhaar-Geflecht auf dem Haupt umher und ernteten nicht selten ganze Lobeshymnen dafür. Sie sähen jetzt aus wie Afrikanerinnen - meiner Meinung nach ist das eine Blutgrätsche was die politische Korrektheit dieser Äußerungen angeht, denn wie man ja weiß, besteht das gute Afrika (was nebenbei einen ganzen Kontinent darstellt und kein Land ist) aus 54 Ländern. Naja, völlig nebensächlich eigentlich, jedoch zeilenfüllend.
          Auf jeder Station unserer Reise musste man sich natürlich um den weiteren Fortgang kümmern und so war man gerade aus dem Bus gestiegen (in welchem wir bis zu 19,5h verweilten), mit Marschgepäck im Entenmarsch zu einer vom Busbahnhof weitentfernten günstigen Unterkunft gedackelt, hatte es sich gemütlich gemacht UND... musste direkt wieder los, um Bustickets für die nächste Station zu erwerben. Warum wir stets nach diesem Rezept reisten hat seine Gründe. Sobald man auch nur einen Fuß auf den bereisten Boden setzte wurde man von Taxi-Fahrern, Obstverkäufern, Ticketverkäufern, Irgendetwasverkäufern belagert und das Stresslevel stieg in jenen Bereich an, der bei Dauerzustand zu einem sogenanten "Burnout" führen würde. Um das zu vermeiden entfernte man sich und sein Gepäck, welches zudem schwer auf den Schultern lastete, vom Busbahnhof, um prioritätsgetreu erst einmal eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden (obwohl es meistens hauptsächlich ein Suchen war). Dort plante man, sein Gepäck wo anders als auf den eigenen Schultern ruhen zu lassen und erst einmal in einen komatösen verdammtnochmalendlichangekommen-Schlaf zu entschlummern. Nach wenigen Minuten standen aber bereits wieder die Mitfreiwilligen klopfend vor der Tür und man begab sich etwas entspannter als zuvor und mit deutlich  weniger Gesamtgewicht in die Schlacht, um Tickets zu erwerben. Auch wenn man bereits Tickets hatte, waren andere Ticketverkäufer nur schwer abzuwimmeln, wie Mücken an warmen Spätsommerabenden.


          Ich habe eben mit einem Blick auf bereits verfasstes entschieden, nicht alle Stationen zu nennen und auch weniger detailliert zu schreiben, außer es tut Not. Die nächsten zwei Tage verbrachten wir im "Ruaha National Park". Für dieses Unterfangen mieteten wir uns einen geländetauglichen Land Rover mit aufklappbarem Dach und einen passenden Guide, der dazu noch fahren  konnte. Das aufklappbare Dach spiele an diesen zwei Tagen eine große Rolle, denn dank ihm konnten wir die Landschaft und die unglaubliche Tierkulisse, deren Bewunderung nur dank unserem fähigen Guide möglich war, stehend mit frischer Luft und ohne Blickfeldeinschränkung genießen...und fotografieren.




Auf unserer Reise quer durch den gigantischen Park trafen wir viele Wildtiere an, die man unter gewöhnlichen Umständen, nie zu Gesicht bekommt. Die Umstände waren keineswegs gewöhnlich, da man sich ja extra zur Erkundung der Tierwelt ein geländetaugliches Fortbewegungsmittel samt einem zur Fortbewegung des Fortbewegungsmittels fähigen Guide organisiert hatte. Da wir, wie ihr euch vermutlich schon gedacht habt, nicht volle zwei Tage mitsamt der dazwischenliegenden Nacht staunend umherdüsten, nächtigten wir in einem Familien…hütte inmitten des Parks. Tagsüber jedoch mussten wir aufpassen, dass wir uns gegenseitig daran erinnerten, ab und zu auch mal den Mund wieder zuzumachen, der vor lauter Staunen einfach immer wieder aufging, um uns vor Austrocknung zu schützen. Zusätzlich hatte ich folgende Dinge bei mir, die mir das Überleben sichern sollten: Sonnencreme (LSF 50+), eine Cap (grau), einen 6-Liter-Kanister H20, Bananen und Chapati (Pfannkuchen). Vor möglichen Raubtierangriffen schütze uns das Auto…und sonst nichts. Sich der Risiken bewusst stieg man also tapfer in die rollende Festung, um die Tierwelt zu dokumentieren, um der ohnehin schon zu vollen Tierbilddatenbank im Internet SEINE EIGENEN Bilder hinzuzufügen.
          Ich möchte an dieser Stelle sagen, dass diese zwei Tage ihr Geld voll und ganz wert waren, der Guide wirklich fähig und verlässlich war und wir unglaubliche Landschaften und Momente mit wilden, bis dato noch nie gesehenen, Tieren genießen durften. Ich kam mir vor wie im "Dschungelbuch".

Hier ein paar Impressionen:









Irgendwann waren aber auch diese wunderbaren zwei Tage vorbei, nämlich nach ziemlich genau zwei Tagen. Man verließ den Park und begab sich immer noch im Rover wieder Richtung Iringa, wo man ja vor der Park-Safari bereits genächtigt hatte. Dasselbe Hotel, dieselben Zimmer. Alles beim Alten, nur an Erfahrung und Bildern war man reicher.
Unsere nächste Station hieß Mbeya, eine Stadt mitten in der Natur, so wie es schien. Grün wo auch immer man hinsah, Bäume am Straßenrand, Berge im Hintergrund und natürlich auch ein riesiger Berg direkt vor uns, der uns von unserer Unterkunft trennte. So stieg man den Berg hinauf, staunte und war begeistert, dass am Straßenrand Bananen gegrillt wurden. Diese BBQ-Bananen waren und sind eine Besonderheit, da ich sie weder davor noch danach jemals wieder gesehen habe. Eine weitere Besonderheit war, dass diese Bananen in Mbeya und Umgebung angepflanzt werden und daher lokal sind. Die meisten meiner Reisebegleiter waren nicht so begeistert wie ich, doch das hielt mich in keinster Weise davon ab, diese Gegebenheit Tag für Tag auszunutzen. Man muss wissen, dass es 3 des Besteigens würdige Berge mit Gipfeln gibt. Einige Menschen, die Arbeit haben, arbeiten nebenbei noch als tour guides. Wir trafen einige davon, doch da der genannte Preis nicht zusagte und man in einem Reiseführer gelesen hatte, dass es auch möglich sei, jenen Gipfel, welchen wir vorhatten zu besteigen, auch ohne tour guide zu besteigen. So plante man also für den darauffolgenden Morgen das Projekt Bergbesteigung auf eigene Faust anzugehen. Doch zu eigenen Fäusten kam es erst gar nicht, da wir durch eine Verkettung von Zufällen letzten Endes nicht mehr ohne tour guides dastanden. Das war so: mich packte wieder einmal der Hunger, doch da wir geplant hatten, später gemeinsam essen zu gehen, entschied ich mich für eine Hand voll BBQ-Bananen. Luisa und Michael, die besagte Köstlichkeiten bisher noch nicht gekostet hatten, waren Feuer und Flamme und begleiteten mich zum BBQ-Bananen-Händler meines Vertrauens. Jedoch war es schon spät am Abend und der Bananen-Griller war nicht mehr anzutreffen. So lief man den gesamten Berg, welchen man zuvor bestiegen hatte, wieder herunter, um am Busbahnhof auf Bananen-Griller zu treffen. Nachdem wir die Bananen sowohl erworben als auch verzehrt hatten, packte mich kurz vor unserem Hotel die Lust auf Fleischspieße. Glücklicherweise, dachte ich mir, wurden Fleischspieße direkt vor dem Hotel gegrillt. Leider waren diese mir dort zu teuer und das nächste, an das ich mich erinnere ist, dass wir Neffen der Hotelbesitzerin kennen lernten, mit ihm ins Gespräch kamen, von ihm auf Fleischspieße und Mangos eingeladen wurden und gefragt wurden, ob er und sein Bruder uns am nächsten Morgen auf unserer Wanderung begleiten dürften. Das durften sie natürlich und so kam es, dass Imani und sein Bruder Daniel, welche nebenbei tour guides sind, uns am nächsten Morgen begleiteten. Unverhofft kommt oft.



Ich persönlich war schon seit Ewigkeiten nicht mehr Wandern gewesen und muss sagen, dass das Unternehmen echt seine Zeit wert war. Die beiden waren super nett und neben dem Fakt, dass ich mir zusammen mit Daniel auf dem Weg zum Gipfel eine Steinschleuder gebastelt habe, entsann sich Imani an seinen Geburtstag. Er hatte ihn vergessen. Kurzentschlossen lud er uns am Abend auf Bier und Mahlzeit im Hotel ein, um seinen vergessenen Geburtstag nachzufeiern. Leider sind wir tatsächlich noch alle zusammen essen gegangen und nachdem man sich im wieder im Hotel eingefunden hatte, brachte Imani Berge von Essen und Bier. Das Bier war kein Problem, jedoch hatte man sich im Restaurant ordentlich vollgestopft, da Imanis Worte während der Wanderung waren: „Ich lade euch heute Abend auf Bier und ein paar Happen ein“ (aus dem Englischen übersetzt von János Aicher). Da jeder eine ziemlich klare Vorstellung von Happen hatte, konnte keiner ahnen, dass Imani uns mit einer kompletten Mahlzeit für jeden überraschte. Man gab sein bestes für das vergessene Geburtstagskind. Die beiden haben tolle Lebenspläne und ich hoffe, sie während meines Freiwilligenjahres noch einmal zu sehen.
          Züge. An sich sind diese Wesen, gemacht aus Metall, etwas Tolles. Möchte man jedoch einen von ihnen von Mbeya nach Kapiri Mposhi nehmen und dieser verspätet sich, dann ist das nicht so erfreulich. Aber Moment – wir befinden uns in Tansania; an die pole pole (langsam) Lebensweise haben wir uns schon mehr oder weniger gewöhnt. Verspätungen werden erwartet, längeres Warten wird erwartet. Doch ich spreche hier von langen Wartezeiten, von so langen Wartezeiten, dass man am Bahnhof sowohl Frühstücken, ein zweites Mal Frühstücken, als auch Mittagessen konnte. Ich spreche von um 07:00 Uhr morgens am Bahnhof eintreffen und diesen um 17:00 Uhr am Abend mit dem Zug wieder zu verlassen. Nach 10 langen Stunden des Wartens auf den Zug war man also froh, dass man zwei Kabinen für sich hatte. Da wir nur zu siebt reisten, jede Kabine aber acht Schlafplätze aufwies und wir vor Dieben in, am und auf dem Zug gewarnt wurden, bezahlten wir auch noch den achten Platz, den wir nicht nutzen, um komplett alleine zu sein. Da wir in der Gruppe reisten, war es kein Problem, dass der Zug verdammt langsam fuhr und somit die Reise ziemlich lang dauerte. Mit einer Maximalgeschwindigkeit von gerade einmal 40km/h schlich man über die Schienen zur sambischen Grenze.




Dort angekommen mussten alle aussteigen, da eine Weiterreise ohne Visum nicht möglich, oder zumindest nicht erlaubt war. Wie es aber bereits schon öfter den Anschein hatte, machen sich Personen, deren Beruf in seiner Ausübung unsere Weiterreise ermöglichen würde, nicht allzu viel aus Terminen und Pünktlichkeit. So warteten alle Reisenden bis um 04:00 Uhr nachts in einem Warteraum oder nicht, denn wir saßen lieber im Freien und spielten Karten mit ein paar Schlücken Alkohol, welcher zuvor im Zug erworben wurde. Die Verantwortlichen kamen, wir holten uns unser Visum und durften endlich in den Zug. Guess what? – Auf unsere Reservierungen wurde wenig wert gelegt und dank der augenscheinlichen Möglichkeit der Doppelbelegung standen wir um vier Uhr nachts im Zug und hatten nur eine Schlafkabine an Stelle der zwei. Nach einigem Hin und Her bekamen wir die zweite Schlafkabine und konnten uns endlich aufs Ohr hauen. Als wir am selben Tag vormittags aufwachten standen wir immer noch am Bahnhof. Warum das so war konnte keiner so genau sagen, also wartete man einfach. Irgendwann fuhr man los und irgendwann später entdeckte ein Mitfreiwilliger, dass man im Zug duschen konnte. Das war mal eine Nachricht, über die sich jeder freute, denn die letzte Dusche lag schon eine Zeit zurück. Nur muss man wissen, dass es nicht leicht ist in einem fahrenden, alten Zug zu duschen, wenn zusätzlich noch die Türe immer wieder aufging. Voll eingeseift festzustellen, dass die Türe offensteht ist unangenehm. Sich in der Dusche zu schneiden ist unangenehm. Frisch geduscht in die Kabine zurückzukehren und sich wie neu geboren zu fühlen ist angenehm. Naja, auf jeden Fall war man irgendwann da und musste dem nächsten Problem ins Auge blicken: Die Dame am Ausgangstor wollte uns nicht passieren lassen, da wir unser gemeinsames Zugticket nicht vorzeigen konnten. Nach langem Suchen tauchte es zwar nicht auf, aber eine andere Tür tat sich auf. Die Mädels sprachen mit den Zugbegleitern und diese bestätigten unsere legale Mitreise im Zug. Bevor etwas passierte, was man hinterher vielleicht bereut hätte, tat sich die Tür auf, die Dame trat beiseite und ließ uns passieren.
          Der Plan war nun nach Livingstone zu gelangen, weil sich dort ganz in der Nähe die Viktoria-Wasserfälle befinden und wir dort einige teure, verrückte Aktivitäten geplant hatten. Nachdem wir zur Bushaltestelle gelaufen waren, weil uns die dalla dalla (Kleinbusse) Fahrer so richtig schön übers Ohr hauen wollten, ergatterten wir Tickets nach Lusaka. Leider war es nicht mehr möglich noch am selben Tag einen Anschlussbus nach Livingstone zu bekommen und so suchten wir uns in Lusaka eine Schlafmöglichkeit. Mit Suchen meine ich wirklich Suchen. Falsche Auskünfte, veraltete Reiseführer; als das werde ich nicht vermissen, wenn ich auf die Reise zurückblicke. Man muss wissen, dass Lusaka eine ziemlich große Stadt ist und Sambia doch anders ist als Tansania. So war es für mich ungelogen ein kleiner Kulturschock schöne, große und hohe Häuser, ein riesiges Einkaufszentrum mit Weihnachtsschmuck und sogar ein Kino dort anzutreffen. Das Kino nutzten wir noch am selben Abend, das Einkaufszentrum auch. Es gab sogar ein Feuerwerk, was den Abend krönte. Von Weihnachten war auf unserer Reise und zuvor in Singida nichts zu sehen, da nirgends Weihnachtsschmuck hing, nirgendwo Weihnachtslieder liefen und auch sonst die Kulisse sehr unweihnachtlich war.
          Der darauffolgende Tag wurde dafür genutzt, nach Livingstone zu reisen. Dort angekommen, sparte ich mir zusammen mit Gunter und Nathan das Geld für das Taxi zur Unterkunft für die nächsten vier Nächte, da das eine Taxi voll war und wir eh lieber laufen wollten. Somit hielten wir uns in Livingstone von allen Reisestationen am längsten auf. Die Unterkunft war ein Volltreffer. Das Paradies. Reife Riesenmangos fielen von Bäumen mitten im Hotelgarten während man in großen Pool aufweichte. Viele wissen wahrscheinlich, dass ich seit Ewigkeiten Mitglied des DLRG bin und die letzten zwei Jahre im Sommer im Strandbad Friedrichshafen als Rettungsschwimmer gearbeitet habe. Warum ich das erzähle hat einen einfachen Grund. Ich liebe das Schwimmen und leider gibt es hier trotz der zwei Seen, die Singida umgeben keine Möglichkeit, zu schwimmen. Die Gewässer sind nicht beschwimmbar. Deshalb war die Freude riesig, nach bald 4 Monaten wenigstens im Kleinen mal wieder im Wasser zu sein und zu schwimmen. Die nächsten Tage änderte sich nichts an der Freude, der Pool wurde von uns dauerbesetzt.





 Ein weiteres Charakteristikum des Hotels war eine Küche, in der man sich selbst sein Essen zubereiten konnte. Super Sache. Nach einem Großeinkauf um die Ecke wurde gekocht und am Pool gespeist. Nachdem wir ein paar Drinks am Pool hatten, gingen wir noch einmal nach draußen, weil wir während wir Drinks tranken Musik gehört hatten und eine Karaoke-Veranstaltung vermuteten. Nachdem wir der Geräuschursache auf den Grund gegangen waren, wurden wir unfreundlich der Tür verwiesen. Es hatte sich herausgestellt, dass es eine private Party von reichen Menschen war, die ziemlich viel älter waren als wir. Als wir uns auf den Heimweg machten, lernten wir durch Zufall (mal wieder einer) zwei junge Männer kennen, mit denen wir dann ganz spontan in einen Club gingen. Auch das war eine super Sache. Wir lernten jede Menge Leute aus der ganzen Welt kennen und wurden, nachdem der Club schloss, noch auf eine private Poolparty eingeladen. Ich muss sagen, der Abend hätte nicht besser geplant werden können. Dabei war er völlig ungeplant…
          Leider waren die Nächte unangenehm, da es nachts in den Zimmer fast unaushaltbar heiß war. Am nächsten Tag taten wir nichts. Wir verbrachten den Tag am Pool, in Restaurants und am Billardtisch…und auf den Couches an der Rezeption, denn es gab seit langem mal wieder Internetzugang. Wi-Fi. Noch ein Mal Schlafen und ich hatte Geburtstag. Ich muss sagen, ich kann nicht sagen, dass ich auf diesen Tag hingearbeitet hatte, denn aufgrund der situativen Bedingungen (Sand, Sonne, Hitze anstatt Beton, schlechtes Wetter oder Schnee und Kälte) musste ich von den anderen ständig daran erinnert werden, dass ich bald 21 werden würde. Gesagt, getan. Ich wurde 21 und als die Stunde 0 geschlagen hatten, bekam ich eine authentische, tansanische Geburtstagsfeier, jedoch am Pool. Nach einigen Stunden Schlaf machten wir uns auf in Richtung der Viktoria-Wasserfälle, da ich uns die Devil’s Pool Tour gebucht hatte. Warum ausgerechnet am fünfzehnten Dezember, wir waren doch vier Tage in Livingstone? Nun ja, ich habe mir diese kostspielige Tour selbst zum Geburtstag geschenkt und wollte an diesem besonderen Tag über den Abgrund schauen. Das Leben auf der einen Seite, der Tod auf der anderen.






Nach dieser unvergesslichen Erfahrung stand mir der Sinn nach Fahrradfahren und Lasagne essen. Beides sind schon seit jeher Charakteristika meiner Geburtstage. Warum? Ich liebe Lasagne. Aber warum Fahrradfahren? Nun ja, seht selbst (Deutschland):





Leider waren die Fahrräder, die wir am Hotel mieten können zum größten Teil ziemlicher Mist, aber wo Mountainbike draufsteht muss auch Mountainbike drin sein und so habe ich das arme Ding in keinster Weise geschont. Wir heizten, manche radelten, zur Brücke in der Nähe der Fälle, die Sambia von Simbabwe trennt. Logischerweise musste ich erst einmal über den Strich laufen, um sagen zu können, dass ich mal in Simbabwe war. Und das ohne Visum. Oha, was bin ich doch für ein Schlingel.
Nach einem Gewitter, das sich gewaschen hatte und doch sehr überraschend kam, fuhren wir zurück und gingen, dank fehlender Schutzbleche vom Dreck gesprenkelt, ungewaschen zum Einkaufen, da es bereits spät war und wir ja noch Kochen mussten. Frei wie ich war, ließ ich den Alkohol springen und das Geld für Essen wurde aufgeteilt. Viel gibt es an dieser Stelle nicht mehr zu sagen. Das Essen war köstlich und viel zu viel, so dass es die Nacht hindurch noch reichte. Der Rest des Abends war eines Geburtstages würdig und der Schlaf kurz.
          Der 16. Dezember war wohl für alle der teuerste Tag der ganzen Reise, denn an besagtem Tag unternahmen wir unabhängig voneinander Unternehmungen vom Pferdereiten bis hin zum Bungee-Sprung. Letzterer wurde von mir ausgeführt. Zusammen mit Nathan hatte ich am Vortag ohne ausreichend darüber nachzudenken eine Adrenalin-Combo gebucht, deren Preis ich nicht nennen möchte. Naja, ich lebe noch UND hatte zuvor meine Angst überwunden. Das war die Überwindung  meines Lebens – seht selbst:

Der Kampf vor dem Sprung






„Just hanging out“ trifft nicht ganz zu. Ich konnte mich tatsächlich erst nach einigen Minuten zurück auf festem Boden darüber freuen, würde es aber wohl nicht noch einmal machen.
Wer sich jemals von einer 111m hohen, an einer Brücke befestigten, Plattform Richtung Tod gestürzt hat, weiß vermutlich, wovon ich rede. Tatsächlich waren sowohl Psyche als auch Physe auf das Ende eingestellt, und vielleicht ist es gerade das, was viele am Bungee-Springen reizt. Man geht nämlich doch nicht drauf, Körper und Gehirn werden ausgetrickst, was ich aber erst realisiert habe, als ich vom Gummiseil ziemlich unsanft abgebremst wurde. Unter dem Strich kann ich also verlauten lassen, dass ich wohl nicht noch einmal so viel Geld ausgeben würde, um mich nach intensivem Ringen mit mir selbst von einer Brücke zu stürzen. Wäre an besagtem Tag tatsächlich irgendetwas passiert, hätte sich die Frage gestellt, in welchem Land ich denn gestorben bin – Sambia oder Simbabwe.
          Irgendwie war dieser Sprung im Übrigen der Auslöser dafür, dass ich die folgenden zwei Tage recht krank war. Unangenehm war schon während des Abbremsens des Falles, dass ca. 6 Liter Blut in mein Gehirn geschleudert wurden und ich mich ziemlich zusammen reißen musste, um nicht ohnmächtig zu werden. Kopfstand war noch nie mein Ding. Leider hielten die Kopfschmerzen die nächsten 4 Tage an.

          Nach einer unruhigen und viel zu heißen Nacht teilte sich die Reisegruppe und ich machte mich mit den drei Mädels auf in Richtung Heimat. Langweilig wäre es wohl gewesen, wenn wir einfach schnurstracks nach Hause gefahren wären, doch das war es nicht, denn wir hatten noch Pläne. So nahmen wir einen riesigen Umweg im Kauf, nämlich von Livingstone zuerst zurück nach Lusaka und am darauffolgenden Tag nach Mpulungu, um dort möglicherweise Tixx für eine Fähre zu bekommen, die nach Bujumbura (Burundi) fahren sollte. Bevor uns jetzt irgendetwas vorgeworfen wird, muss ich dazusagen, dass es schlicht und einfach nicht möglich war, vorher Tixx zu erwerben. Das lag an mehreren Gründen. Zum einem hängt nichts miteinander zusammen, sprich wenn man beispielsweise eine Zugkabine im Büro bucht, bedeutet das nicht, dass die Verantwortlichen im Zug selbst etwas davon wissen. Zum anderen konnte man nirgendwo anders als am Hafen selbst Tixx kaufen. Somit mussten wir wohl oder übel das Risiko eingehen, keine Fahrkarten zu bekommen, weil das Schiff schon ausgebucht sein könnte. Als wir nun in Mpulungu ankamen machten wir uns direkt auf zum Hafen, nur um herauszufinden, dass diese Fähre doch nicht käme. Da saß man nun, verzweifelt und ziemlich weit weg von zu Hause. Und hungrig, deshalb suchten wir das erstbeste „Restaurant“ auf und wurden von den unfähigsten Bedienungen bedient. Doch manchmal passiert etwas, was keiner erwartet. Wir lernten einen Alleinreisenden weißen Südafrikaner kennen, der am nächsten Morgen mit einem Containerschiff nach Bujumbura fahren wollte. Mit seiner Hilfe bekamen wir auch Karten und nach einer Nacht in einer traumhaft schönen Hütte, stiegen wir auf das cargo ship, wurden schlafkabinenbetrefflich übers Ohr gehauen, und landeten am Ende dank Anne und Anika doch noch in einer ordentlichen Kabine.








Nicht nur unsere Unterkunft in Mpulungu war wunderschön, nein, auch der Lake Tanganyika, an dem sich Mpulungu nämlich befindet, war atemberaubend. Der Tanganyika-See ist der längste See der Welt und dazu noch der zweittiefste See der Welt. Diese zwei Fakten und dazu das Containerschiff machten diesen Teil der Heimreise wirklich unvergesslich. Wir ernährten uns von Nudeln, Dosenbohnen und Keksen – und es war wirklich entspannt. Allein im Urlaub habe ich es fertig gebracht, zwei Bücher zu lesen, wofür ich normalerweise Monate brauche. 






Bereits auf dem Schiff lernte ich einige Menschen kennen, die der französischen Sprache mächtig waren, was mich wirklich ziemlich freute. Es stellte sich heraus, dass Burundi einmal belgische Kolonie war und dort bis heute noch Französisch gesprochen wird. Ich konnte meine Französisch-Kenntnisse (10 Jahre in der Schule) auffrischen und stellte fest, dass ich keine Lust habe, diese schöne Sprache zu verlernen. In meinem Geburtstags- und Weihnachtspaket aus der Heimat war dann auch ein Französisch-Übungsheft zu finden.
         Die eh schon geschröpfte Urlaubskasse wurde leider bei Einreise nach Burundi durch die 40$ Visum-Gebühren für drei Tage zusätzlich belastet. Zusammenfassend lässt sich der Aufenthalt in Bujumbura folgendermaßen beschreiben: Wir waren am Strand (dass wir mal an einem Strand waren wollte ausgenutzt werden), ich sprach so viel wie möglich auf Französisch, wir hatten neben unserem Hostel eine Bar, die Bierflaschen mit 720ml Füllmenge verkaufte und wir saßen einen Tag länger als geplant in Bujumbura fest, weil es einfach keine frühere Busverbindung gab. Am Morgen des 24. Dezember, Heiligabend in Deutschland, aber nicht in Tansania, machten wir uns als um 06:00 Uhr morgens auf dem Heimweg und waren 19,5 Stunden später in Singida. Endlich zu Hause!
Wir verbrachten zwar Heiligabend im Bus, hatten eine Reifenpanne und nur eine einzige Essenspause, aber ich hatte noch eine Dose Bohnen und Weihnachten wird in Tansania erst am fünfundzwanzgsten Dezember gefeiert – daher war das kein Problem.
         Insgesamt waren wir 23 Tage unterwegs, haben 10 Stationen abgeklappert und sind über 7.000km gereist. Die verbrachte Zeit in Bussen, Zügen, Autos und Schiffen lässt sich in mehreren Tagen ausdrücken. Genauergesagt 164,5h, also 6,85 Tage (davon Zug: 40h; Bus: 73,5h; Schiff: 46h; die verbrachte Zeit im Auto zwecks Safari wurde nur die Anfahrtszeit zum Nationalpark berechnet: insg. 5h, dalla dallas, bajajis und Taxen wurden ebenso wenig beachtet).

Unsere Reiseroute



Nun bin ich seit ein paar Tagen wieder daheim und bereits wieder voll im Alltagstrott. Am 05.01. nächstes Jahr wird die Schule wieder geöffnet und die Arbeit ruft wieder.

Falls ihr es tatsächlich geschafft habt, bis hierher zu lesen: Herzlichen Glückwunsch und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Hier ist es höchstens rutschig, weil der Regen den Sand in Matsch verwandelt.
Wenn ihr Böller habt: passt auf eure Finger auf!

Don’t drink and drive!

Euer János – bis nächstes Jahr :0)
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